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Aus dem Buch "Und immer wieder die Zeit - Einstein`s Dreams" von Alan Lightman
24. April 1905
In dieser Welt gibt es zwei Zeiten. Die mechanische und die Körperzeit. Die erste ist so starr und metallisch wie ein massives Pendel, das hin- und herschwingt, hin und her, hin und her. Die zweite windet sich und zappelt wie ein Thunfisch in einer Bucht. Die erste ist unbeugsam, vorherbestimmt. Die zweite entschliesst sich von Fall zu Fall.
Viele sind überzeugt, dass es die mechanische Zeit nicht gibt. Wenn sie an der riesigen Uhr in der Kramgasse vorbeikommen, sehen sie sie nicht, und sie hören auch nicht ihre Glocken, während sie in der Postkasse Pakete aufgeben oder zwischen den Blumen im Rosengarten umherschlendern. Sie tragen eine Uhr am Handgelenk, aber nur als Zierde oder als Gefälligkeit jenen gegenüber, die sie verschenken. Bei sich zu Hause haben sie keine Uhr. Statt dessen hören sie auf ihren Herzschlag. Sie spüren die Rhythmen ihrer Stimmung und Begierden. Solche Menschen essen, wenn sie Hunger haben, gehen zu ihrer Arbeit im Modewarengeschäft oder in der Drogerie, wenn sie wach werden, gehen sie zu jeder Tageszeit mit dem oder der Geliebten ins Bett. Solche Menschen lachen über die Idee der mechanischen Zeit. Sie wissen das die Zeit ruckweise voranschreitet. Sie wissen, dass sie sich mit einer schweren Bürde vorwärts kämpft, wenn sie mit einem verletzten Kind ins Spital eilen oder den Starren Blick eines Nachbarn ertragen müssen, dem sie Unrecht getan haben. Und sie wissen auch, dass die Zeit dahinhuscht, wenn sie mit Freunden bei einem guten Essen sitzen, wenn sie gelobt werden oder in den Armen ihrer heimlichen Geliebten liegen.
Und dann gibt es jene, die meinen, ihr Körper existiert nicht. Sie leben nach der mechanischen Zeit. Morgens um sieben Uhr stehen sie auf. Um zwölf nehmen sie ihr Mittagessen, um sechs ihr Abendessen ein. Zu ihren Verabredung kommen sie pünktlich, auf die Minute genau. Für die Liebe ist die Zeit zwischen acht und zehn Uhr abends vorgesehen. Sie arbeiten vierzig Stunden pro Woche, lesen die Sonntagszeitung am Sonntag und spielen am Dienstagabend Schach. Wenn ihr Magen knurrt, blicken Sie auf die Uhr, um zu sehen, ob Essenszeit ist, Wenn sie sich in einem Konzert zu verlieren beginnen, schauen sie auf die Uhr über der Bühne, um zu sehen, wann es Zeit wird heimzugehen. Sie wissen, dass der Körper nichts ganz Wunderbares ist, sondern eine Ansammlung von Chemischen Substanzen, Gewebeteilen und Nervenimpulsen. Gedanken sind nichts anderes als elektrische Wellen im Gehirn. Sexuelle Erregung ist nichts anderes als ein Strom chemischer Substanzen zu bestimmten Nervenenden. Traurigkeit nur ein bisschen Säure, die sich im Kleinhirn festgesetzt hat. Kurz, der Körper ist eine Maschine, die denselben Gesetzen der Elektrizität und Mechanik unterliegt wie ein Elektron oder eine Uhr. Insofern muss man über den Körper in der Sprache der Physik sprechen. Und wenn der Körper spricht, dann sprechen eben nur bestimmte Hebel und Kräfte. Dem Körper muss man befehlen, nicht gehorchen.
Wer abends an der Aaren entlanggeht, findet Beweise für zwei Welten in einer. Ein Bootsmann bestimmt seine Position bei Dunkelheit in einer Weise, dass er die Sekunden zählt, die er im Wasser treibt. "Eins, drei Meter.
Zwei, sechs Meter. Drei, neun Meter." In klaren, bestimmten Silben durchschneidet seine Stimme das Dunkel. Unter einem Laternenpfahl auf der Nydeggbrücke stehen zwei Brüder, die einander ein Jahr lang nicht gesehen haben, und trinken und lachen. Vom Münsterturm erklingt die Glocke zehnmal. Innerhalb von Sekunden erlöschen die Lichter in den Wohnungen an der Schiffslaube, in einer völlig mechanischen Reaktion, wie die Ableitung der euklidischen Geometrie. Zwei Liebende, die am Ufer liegen, blicken träge auf, von den fernen Kirchenglocken aus dem zeitlosen Schlaf gerissen, erstaunt, dass es bereits dunkel ist.
Wo die beiden Zeiten aufeinanderstossen, Verzweiflung. Wo sie getrennte Wege gehen, Zufriedenheit. Denn ein Rechtsanwalt, eine Krankenschwester, ein Bäcker können Wunderbarerweise in jeder der Zeiten eine Welt ausmachen, nicht aber in beiden Zeiten. Jede Zeit ist wahr, aber die Wahrheiten sind nicht dieselben.
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